cut the mustard

29.8.2021 - 5.9.2021 Exhibitionspace Viscosi 745

Emma Bertuchoz
Lara Bischof
Brikena Buquaj
Jutta Galizia
Olga Haller
Nexhibe Imeri
Mila Jarkovich
Simon Lanz
Laura Jana Luterbach
Andrea Ricklin
Bertilla Spinas
Stella B. Bohn
Noah Ismael Wyss
Yadin Bernauer
Nadine Meier
Charonne Debora Placathose
Charly Ruff
Méline Hauswirth

selected student works
by Thea Reifler, Philipp Bergmann and Mediengruppe Bitnik
curated by Klodin Erb and Stephan Wittmer


 

 

Die Gruppenausstellung «cut the mustard» versammelt die multimedialen Arbeiten von achtzehn Studierenden des Bachelor Studiengangs K+V der Hochschule Luzern. Die Auswahl aus rund 70 Portfolios wurde von den Leiter:innen der Shedhalle Zürich, Thea Reifler und Philipp Bergmann, wie auch von der !Mediengruppe Bitnik bestehend aus den Künstler:innen Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo getroffen. Als guest guest curators haben sie die Studierenden letztes Jahr mit einem Blick von aussen begleitet.
Im diversen künstlerischen Schaffen der Student:innen haben sich Thematiken rund um Identitätskonstrukte, Mensch-Natur, online-offline wie auch öko- und queerfeministische Fragen herauskristallisiert. Verbindende Elemente über diese breiten Themenfelder hinweg sind Bedeutungsverschiebungen, Mehrdeutigkeiten wie auch Missverständnisse, die sich in den gezeigten Positionen auf unterschiedliche Weise – laut, leise, gar melodramatisch und kontrastreich – manifestieren. Die Ausstellung eröffnet im Rahmen vom Aktionstag Kunsthoch Luzern und wird von Klodin Erb und Stephan Wittmer kuratiert.


Die Grenzen des Internets abtasten
Die Welt ist in Aufruhr: Klimastreiks, Feminismus, Pandemie und damit einherkommend die Rollenverteilung und der Platz der Menschheit in der Zukunft werden heftig diskutiert. Wir erleben Kippmomente mit, in denen sich die Grenzen oder gar die Bedeutung dieser keineswegs neuen und doch höchst aktuellen Themen verschieben. Die ausgewählten künstlerischen Positionen zeigen, wie durch digitale, performative und kollaborative Strategien mit diesen Feldern inhaltlich wie auch formal gearbeitet werden kann. Dazu kommen der Cyberspace und die Wichtigkeit von digitaler Vernetztheit, die eine neue Interpretation von Missverständnissen auf solchen Plattformen und in ihrer Kommunikation akut gemacht haben. Diese Erscheinungen werden von den Studierenden untersucht. Unter anderem, wie sich das Vernetzt-Sein auf Zugehörigkeit, aktive oder passive Teilnahme auswirkt. Sie antworten auf diese Absurditäten des Internets unter anderem mit Netzperformances, die sich diesen Cyberspace auf auslotende Weise aneignen. So sucht Laura Jana Luterbachs Videoarbeit «Lauras Beauty Palace – Special Edition» nach einer Möglichkeit, auf populäre Schmink-Tutorials zu reagieren, während sich Simon Lanz als Teil eines Künstlerkollektivs in «Boyband CHIC» durch ein semi-partizipatives Computerspiel mit den Grenzen des digitalen Raums befasst. Ist es möglich oder gar gewinnbringend, einen existierenden Raum, ein Konzert oder eine Ausstellung online nachzuempfinden?

Strategisch gegen Maschinen gewinnen
Virtuelle und hybride Kommunikationsplattformen lassen Fragen aufkommen, ob Nähe und das Knüpfen von Beziehungen auf Distanz überhaupt möglich ist? Aktivistische Strömungen auf Social Media sind in den letzten Jahren laut geworden. So bezieht sich Andrea Ricklins fotografische Auseinandersetzung «text me when you get home» auf die gleichnamige Bewegung, die sich nach dem Mord an der Britin Sarah E. im März dieses Jahres formiert hat. Sie macht auf die Angst aufmerksam, die Frauen* auf der ganzen Welt auf dem Nachhauseweg spüren – und sie
dadurch verbindet. Reposten, verlinken und liken zum Bilden von Communitys, die gehört werden wollen. Im Gegensatz dazu hat sich Bertilla Spinas mit dem Postweg auseinandergesetzt und sich mit «Postal Hacking» der Herausforderung gestellt, als Individuum von der Schweizer Post wahrgenommen zu werden. Mit unkonventionell-provokativen Postkarten bringt sie die Zuverlässigkeit und Systematik der Institution und Technik an ihre Grenzen.


Überflüssiges festhalten
Gender- und körperbezogene Arbeiten wie Stella B. Bohns interdisziplinäre Arbeit «The Mindful Kink Projekt - M:NK» oder die Videoarbeiten «Striptease» von Emma Bertuchoz und Yadin Bernauer’s «Emma Shaking it Off» zeigen, dass Identität und ihre Konstrukte als Themen mit Dringlichkeit umkreist werden. Klischierte und explizite Rollenbilder von Menschen in der Gesellschaft werden zugespitzt reproduziert, um im Moment der Irritation der Betrachter:innen zu kippen und vor Augen zu führen, dass die Provokation durch Darstellung von «anderen» Körpern oder selbstbestimmter Sexualität nur scheinbar obsolet geworden ist. Das selbstbewusste Fabulieren einer Zukunft, in der alte Rollen und Rollenbilder neu ausgelost werden, kommt mit einem spürbar starken Wunsch nach nachhaltigen Veränderungen einher, die mit Neugier in die Zukunft des Kunstschaffens blicken lässt.

Text von Gianna Rovere