Willkommen in der Wirklichkeit

Ein Text von Gabriel Kessler

Am 24.01.2019 gehe ich als K+ Redaktor ins Kunsthaus Zürich zu einer Performance von Jurczok, der Zürcher Spoken Word Künstler hat einen Auftritt in der Oskar Kokoschka Ausstellung. Vor den Bildern Kokoschkas stellt er sich hin und trägt Texte von sich und Karl Kraus, einem Wiener Schriftsteller, Satiriker und „Fackel“- Herausgeber, vor. Vor allem Karl Kraus' Theater „Die letzten Tage der Menschheit“ hat es Jurczok angetan.

 

Ich bin von Anfang an mit beobachtendem Zeichnen beschäftigt und höre Jurczok sprechen: „Willkommen in der Wirklichkeit“. Das merke ich mir und schreibe es auf meine Zeichnung, denn die Wirklichkeit ist das Wichtigste für mein künstlerisches Arbeiten. Sie ist es, die ich suche, doch ich sehe nur einen Teil von ihr. Den Teil Wirklichkeit, den ich sehe, versuche ich in meinen Zeichnungen sichtbar zu machen, sie stehen für meine Perspektive auf die Welt.

 

Vor Jurczoks Performance besuche ich die Kokoschka Ausstellung und zeichne dort. Kokoschkas Selbstportrait von 1948 ist wie alle seine Bilder farbenfroh. Die Pinselstriche wirken auf den ersten Blick wie zufällig auf die Leinwand geworfen. Erst bei näherem Betrachten erkennt man den „lebendigen“ Sinn derselben.

 

In der Cafeteria des Kunsthauses zeichne ich mit blauem Farbstift die Besucher des Museums. Es sind Momentaufnahmen:

Die eine Zeichnung zeigt einen Vater mit seinem Kind auf dem Schoss. Beide sind vertieft in ihr Smartphone. Im Hintergrund sieht man eine Frau und einen Mann im Gespräch, wobei letzterer vorgeneigt gestikuliert.

Auf der zweiten Zeichnung ist meine Perspektive geradeaus über den Tisch mit meinem Espresso gerichtet. Dort sitzen zwei ältere Frauen im Gespräch. Dahinter sind weitere Frauen, die ein Smartphone in den Händen halten.

 

Wenn ich zeichne, beobachte ich, was ich sehe. Ich versuche eine positive und vorurteilslose Grundhaltung zu allen Dingen zu entwickeln, denn nur so kann ich Erkenntnisse aus der Wirklichkeit sammeln. In diesem Sinne nochmals: „Willkommen in der Wirklichkeit“.